Der Vertrag zwischen Mensch und Tier
Seit 10.000 Jahren halten Menschen Tiere. Ziegen, Schafe und Rinder wurden gezähmt, auf Weiden gestellt, mit frischem Wasser und ausreichendem Futter versorgt und vor Wölfen und Bären geschützt. Dafür bekamen die Menschen Milch, Wolle und am Ende auch Fleisch von den Tieren. Der ungeschriebene Vertrag zwischen Mensch und Nutztier war und ist: Freiheit gegen Sicherheit. Ein gutes Leben und am Ende ein schneller, schmerzfreier Tod.
Viele Viehhalter gehen auch verantwortungsvoll mit ihren Tieren um. Aber es gibt immer wieder schockierende Fälle von Tierquälerei.
BILD erzählt die Geschichte eines dieser geschundenen Tiere.
KI generiertes Video
Der Ort Depsried im Oberallgäu liegt zwischen dem Fluss Iller und den Alpen, wo die bäuerliche Idylle noch perfekt scheint. Doch genau hier, auf einer Weide hinter dem Dorf, spielt das Drama um die Milchkuh mit der Ohrmarken-Nummer DE0953730055.
Sie etwa acht Jahre alt und hochträchtig.
Milchkühe müssen jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen, damit sie Milch geben.
Bei Kuh DE0953730055 ist es bald so weit, dass sie ihr Kalb zur Welt bringt.
Doch sie leidet. Ihr linkes hinteres Bein ist krank und tut so weh, dass sie es nicht aufsetzt. Wenn sie auf der Suche nach frischem Gras über die Weide zieht, humpelt sie auf drei Beinen.
Und obwohl Kuh Nr. DE0953730055 dem Bauern jahrelang Milch gegeben und er gutes Geld mit ihr verdient hat, ruft er keinen Tierarzt, der ihr Leid lindern könnte.

Die Qualen des Tiers sind nicht zu übersehen. Auch einem Spaziergänger, der immer mal wieder an der Weide vorbeiläuft, fällt auf, dass die Kuh schwer krank ist und sich an ihrer Situation über einen längeren Zeitraum nichts ändert. Kuh Nr. DE0953730055 ist mit den unerträglichen Schmerzen im Bein und ihrem Kalb im Bauch allein. Hilflos und sich selbst überlassen.
Als die Kuh Wochen später immer noch auf der Weide auf drei Beinen humpelte, hat der Spaziergänger den bekannten Tierrechtsaktivisten Philipp Hörmann informiert.
Unerträgliche Schmerzen und ein Kalb im Bauch
Hier steht die Bildunterschrift - bitte ändern. Link. Diese Komponente hat oben und unten einen Abstand.
Foto: Vorname Nachname
Das Team um den Tierrechtler installiert versteckte Kameras, um Beweise zu sichern und das Schicksal des Rindes zu dokumentieren. Das ist wichtig, damit die Verantwortlichen später zur Rechenschaft gezogen werden können. Auf den Aufnahmen sieht man deutlich, wie schief die trächtige Kuh mittlerweile steht. Ihr gesamtes Skelett hat sich verschoben. Der Aktivist zeigt die Videos einem Experten.
Der Fachtierarzt für Tierschutz Dr. Kai Braunmiller ist sich sicher:
„Diese Kuh hat länger andauernde erhebliche Schmerzen und Leiden erleiden müssen. Bei der verpflichtenden täglichen Kontrolle seiner Tiere hätte der Bauer die Verletzung bemerken und einen Tierarzt rufen müssen.“
Dann erstatten die Tierschützer Anzeige beim zuständigen Veterinäramt, damit die Kuh endlich untersucht wird. Noch am selben Tag wird der Hof von den Amtstierärzten kontrolliert. Dabei sind verschiedene Mängel auf dem Hof durch die Behörde festgestellt worden.
Anzeige beim Veterinäramt

Hier steht die Bildunterschrift - bitte ändern. Link. Diese Komponente hat oben und unten einen Abstand.
Foto: Vorname Nachname
Der qualvolle Weg von der Weide zum Stall
Hier steht die Bildunterschrift - bitte ändern. Link. Diese Komponente hat oben und unten einen Abstand.
Foto: Vorname Nachname
Doch statt die kranke Kuh Nr. DE0953730055 auf der Weide zu untersuchen, wird sie ca. 300 Meter von der Wiese zum Stall getrieben. Dabei erleidet sie weitere unnötige und erhebliche Schmerzen. Die Tierschützer filmen die grausame Tortur. Ein Dokument besonderer Herzlosigkeit.
Am Abend wird dann entschieden, dass die fortgeschrittene Erkrankung des Beins nicht mehr geheilt werden kann und die achtjährige Kuh notgetötet werden muss.

So stellt sich unserer Illustrator die Szene vor, als der Hoftierarzt das Bolzenschussgerät an die Stirn von Kuh Nr. DE0953730055 setzt
Abbildung mit Hilfe von KI erstellt
In etwa sieben Tagen hätte die kranke Kuh gekalbt. Der behandelnde Hoftierarzt, es soll Dr. med. vet. Johannes H. aus der Umgebung gewesen sein, soll der hochträchtigen, kranken Kuh ein Bolzenschussgerät an die Stirn gesetzt und abgedrückt haben. Als die trächtige Kuh zu Boden geht, soll er ihr in die Brust gestochen haben. Das Kalb erstickt im Mutterleib. BILD hat den Tierarzt angerufen, damit er sich zu den Vorwürfen äußern kann. Er hat das abgelehnt und grußlos aufgelegt.
Laut dem Sachverständigen Dr. Braunmiller hätte der Hoftierarzt anders handeln müssen. „Wenn die Kuh nachweislich hochtragend war und das Kalb noch gelebt hat, hätte der Tierarzt sie mit einem Betäubungsmittel einschläfern müssen, das auch auf das Kalb wirkt, sodass ihm keine Leiden zugefügt werden. Das wäre tierschutzgerecht gewesen. Alternativ hätte auch ein Kaiserschnitt unter Betäubung der Kuh gemacht werden können“, schreibt er.
Das Kalb erstickt im Bauch der getöteten Kuh
Hier steht die Bildunterschrift - bitte ändern. Link. Diese Komponente hat oben und unten einen Abstand.
Foto: Vorname Nachname
Der Kadaver der toten Kuh wird neben die Dorfstraße geworfen und nicht abgedeckt. An der Stirn klafft ein Loch vom Bolzenschuss, in der Brust eine tiefe Wunde vom Herzstich.
Als die Tierschutzaktivisten das tote Tier sehen, fällt ihnen sofort auf, dass nichts unternommen wurde, um das Kalb zu retten. Sie zeigen auch den Tierarzt an.
Daraufhin wird der Tierkörper zur pathologischen Untersuchung gebracht, die Ergebnisse stehen noch aus. Auch die genauen Umstände der Nottötung und die Frage, ob der Tierarzt richtig gehandelt hat, werden aktuell geprüft. Das Veterinäramt bereitet eine Strafanzeige gegen den landwirtschaftlichen Betrieb vor und wird sie nach Abschluss der Untersuchungen und Gutachten an die Staatsanwaltschaft weitergeben. Außerdem wird geprüft, ob auch gegen den Hoftierarzt rechtliche Schritte eingeleitet werden.

Tierschutzaktivist Philipp Hörmann und sein Team konnten das Leben von Kuh Nr. DE0953730055 und ihrem Kalb nicht retten. Aber ihre Arbeit ist ein wichtiger Beitrag, um unerträgliche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz aufzudecken und dafür zu sorgen, dass endlich öfter und besser auf den Bauernhöfen und Weiden kontrolliert wird, damit solche Fälle in Zukunft nicht mehr passieren.
Tierrechtsaktivist Philipp Hörmann: „Schmerzen und Leiden, sowie ein gewaltsamer Tod sind feste Bestandteile der tierischen Milcherzeugung. Auch das Bild von Kühen auf grünen Wiesen ändert nichts daran.“
Der Fachtierarzt für Tierschutz Dr. Kai Braunmiller hat ein anderes Bild von den Milchviehhaltern. „Deutlich über 95 Prozent der Bauern behandeln ihre Tiere gut und gesetzeskonform. Aber unabhängige Kontrollen sind wichtig, um die schwarzen Schafe ausfindig zu machen, zur Verantwortung zu ziehen und den wehrlosen Tieren zu helfen.“
Deutschland ist der größte Produzent von Kuhmilch in der Europäischen Union. Zehn Millionen Rinder werden bei uns gehalten, 3,6 Millionen davon sind Milchvieh.


